AUFROLLEN

 

Worte sind das Rohmaterial des Literaten. Man kann sie drehen, teilen, sie in einem anderen Licht sehen und dabei wahrnehmen, wie sie ihre Bedeutung ändern. Das Wort AUFROLLEN erscheint mir wie ein unregelmäßig geformtes Stück Holz. Interessant genug, um sich damit zu beschäftigen.

 

Auf Rollen – damit hat vielleicht die Beschleunigung unserer Zivilisation begonnen. Auf Rollen kommt man rascher voran und es lassen sich Objekte bewegen, die zu schwer sind um sie auf dem Rücken von Mensch oder Tier an ferne Orte zu befördern. Einmal auf Rollen gestellt lassen sich Dinge ins Rollen bringen. Ist etwas erst ins Rollen geraten, kann es oft nicht mehr aufgehalten werden und wehe dem, der unter die Rollen gerät.

 

Stellen Sie in dieser Woche ihre Fantasie und ihre Fertigkeiten auf Rollen und lassen Sie diesen ihren Lauf. Mit Spannung werden wir die Ergebnisse erwarten.

Und die Künstler selbst? Wird letztlich das präsentiert werden, was ursprünglich geplant gewesen ist? Wer Holz zu bearbeiten beginnt, setzt voraus, dass die zu schaffende Skulptur bereits darin existiert. Sie muss nur vom umhüllenden Material befreit werden. Doch Holz ist ein gewachsener Werkstoff, dessen Morphologie von den Einflüssen seiner Umgebung geprägt wird. Der Dialog zwischen Künstler und Material wird mit den Werkzeugen geführt. Je pragmatischer dieser Dialog abläuft, desto harmonischer erscheint das Werk. Der Schaffensprozess offenbart sich als Entwicklung, in der sowohl das Material als auch die ursprüngliche Intention Veränderung erfahren. Der Pfahl entwickelt sich zur Skulptur, die ursprüngliche Idee entwickelt sich zu einer Lösung, die die Eigenheit des Materials anerkennt. Ent-wickeln, ein anderes Wort für Aufrollen? Mag sein, aber die Entwicklung geht über die Offenlegung vergangener oder vorhandener Fakten hinaus. Entwickeln ist ein Vorgang, der in die Zukunft weist. Nicht immer entwickeln sich Dinge im positiven Sinn. Erst das nachträgliche Aufrollen eines Vorgangs zeigt uns, welche Maßnahmen einer Idee zum Erfolg verholfen, welche zu deren Scheitern geführt haben.

 

Die hier tätigen Künstler werden beides tun. Sie werden aufrollen, was aus ihrer Sicht gut oder katastrophal schief gelaufen ist. Gleichzeitig werden sie mit Erfahrung, Geist und hoffentlich auch Witz Objekte entwickeln, die diese Sicht für uns wahrnehmbar machen und uns bewegen.

Friedrich Dinter, Schriftsteller, Weißkirchen